Interview mit Ariane Lettow (Geschäftsführerin PINKSTINKS) über Feminismus

PINKSTINKS, unser aktueller 1% for Happiness Spendenpartner, setzt sich seit 2012 leidenschaftlich für Geschlechtergerechtigkeit und Diskriminierungsfreiheit ein. Ihr Ansatz ist humorvoll, mutig und inklusiv. Im Interview mit der Geschäftsführerin Ariane Lettow erfahren wir, wie PINKSTINKS Machtstrukturen hinterfragt, Diskriminierungen bekämpft und konkrete Veränderungen anstrebt.

foodloose: Was bedeutet Feminismus für PINKSTINKS?

Ariane Lettow: Unser Feminismus ist humorvoll, mutig, undogmatisch, inklusiv und voller Liebe. Konkret bedeutet das für uns:
Wir schauen uns Machtverhältnisse und diskriminierende Strukturen aus intersektional-feministischer Perspektive an – und arbeiten auf vielen Ebenen daran, Diskriminierungen abzubauen, indem wir so kommunizieren, dass auch Menschen, die mit Feminismus bisher wenig Berührung hatten, die Probleme verstehen. Fast immer mit einer Prise Humor und immer wohlwollend. Also: Wir übersetzen feministische Debatten und ermöglichen Menschen, auf ihre eigene Weise gegen Sexismus wirksam zu sein. Sich unserer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen und aus der Hilflosigkeit rauszukommen.
Besonders gut zeigt das unser FEMIFEST, das wir zum 08. März 2024 zusammen mit über 100 Unterzeichnenden von Louisa Dellert über Maren Kroymann bis zu Sea Watch und Campact veröffentlicht haben: Wir schauen nicht nur auf fehlende Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch auf andere Formen der Diskriminierung, wie z.B. Rassismus, Klassismus und Transfeindlichkeit. Weil wir gesellschaftlich nicht weiterkommen, wenn wir nicht alle Diskriminierungsformen zusammen denken und alle Geschlechter im Blick haben. Und wir stellen konkrete Forderungen auf.

foodloose: Ihr seid seit 2012 aktiv. Wie hat sich der Feminismus im Laufe der Zeit verändert und entwickelt?

Ariane Lettow: Als wir anfingen, ging es darum, Sexismus überhaupt ins Bewusstsein zu bringen. Das gesellschaftliche Interesse an dem Thema war gering, Feminismus hatte ein sehr schlechtes Image. Unser Gründungsjahr lag 5 Jahre vor #MeToo, damals war es undenkbar, dass in ARD und ZDF gegendert oder ein PINKSTINKS Arbeitsheft zu Sexismus tausendfach an Schulen eingesetzt würde.
Die Themen unserer Anfangsjahre waren Rollenstereotype und Sexismus in der Werbung. Gerade an Beispielen von Gendermarketing zeigte PINKSTINKS eindrücklich, wo das Problem lag. Mit Erfolg: Ferrero nahm aufgrund unserer Kampagne das rosafarbene Ü-Ei „nur für Mädchen“ vom Markt, auch andere Firmen reagierten auf unsere Kritik.
Der sogenannte Netz-Feminismus war gerade dabei, sich zu etablieren. Es gründeten sich Plattformen, Gruppen und breitere Zusammenschlüsse, die Kampagnen wie #aufschrei von Anne Wizorek möglich machten.
Es entwickelte sich eine größere gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit für gleichstellungspolitische Themen und wir hatten das Gefühl, endlich mal weiterzukommen. Auch diesen Pop-Feminismus, der Spaß machen und sexy sein durfte, fanden alle interessant.
2017 wird als wichtiger Meilenstein im Gedächtnis bleiben: #MeToo veränderte den öffentlichen Diskurs zu Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt. PINKSTINKS zog 2023 ein Zwischenfazit.
Ab 2020 wurden durch die Corona-Pandemie die Themen Care-Arbeit und Gender Care Gap verstärkt diskutiert, und das bis heute. In den vergangenen Jahren waren die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie andere Themen rund um körperliche Selbstbestimmung präsent sowie das Bemühen, die Perspektiven marginalisierter Gruppen in feministische Debatten einzubeziehen.

foodloose: Was ist aus eurer Erfahrung das hartnäckigste Vorurteil, das sich hält?

Ariane Lettow: Dass Männer vom Mars sind und Frauen von der Venus. Dieser Satz zementiert starre Geschlechterrollen und verhindert Gleichberechtigung, deswegen ist es so bitter, dass der so weit verbreitet ist.
Wir leben im Patriarchat, also in einer Gesellschaft, in der weibliche Leistungen, Tätigkeiten und Interessen abgewertet werden. Um dieses System aufrechterhalten zu können (auf dem unsere heutige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit ihrer Abwertung jeder Form von Sorgearbeit fußt), ist es notwendig, immer wieder darauf zu beharren, dass die Geschlechter so unterschiedlich ticken. Es ist also kein Zufall, dass wir immer noch vom „Mutterinstinkt“ (der wissenschaftlich widerlegt ist) lesen und von Vätern, denen das Kümmern angeblich nicht so im Blut liegt und die sich deswegen die Namen der Klassenkamerad*innen ihrer Kinder nicht merken können. Dass Sorgearbeit mit Frauen, mit Männern dagegen „harte Arbeit“ und Wissenschaft assoziiert wird. Dass Care-Berufe deutlich schlechter bezahlt werden als andere. Dass Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch verhandelt werden und nur unter bestimmten Bedingungen straffrei sind. Dass „schwul“ immer noch (und leider wieder stärker, wie uns viele Schulen berichten) als Schimpfwort benutzt wird.
All das wäre nicht denkbar ohne die Abwertung alles Weiblichen und die ständig wiederholte Erzählung, starre Geschlechterrollen wären schon in der Natur angelegt.

foodloose: Was ist aus eurer Sicht der größte Stein, der noch auf dem Weg zu echter Geschlechtergleichstellung liegt?

Ariane Lettow: Gesetzlich ist Gleichstellung verankert, in der Realität sind wir noch weit davon entfernt. Da müssen wir ran, denn Sexismus schadet der gesamten Gesellschaft.
Um Gleichstellung erreichen zu können, brauchen wir die politischen Rahmenbedingungen und konsequentes Einbeziehen feministischer Forderungen. Und wir brauchen eine ganz andere Bewertung und Vergütung von Arbeit, neue Arbeitszeitmodelle, gerechte Verteilung von Sorgearbeit, gemeinsame gesellschaftliche Verantwortungsübernahme für unser Zusammenleben.
Der Global Gender Gap Report hat kürzlich veröffentlicht, dass es noch 131 Jahre dauern wird, bis wir gleichberechtigt leben können . So lange können wir nicht warten! Aus dem Weltbevölkerungsbericht 2024 gehen zudem besorgniserregende Verschlechterungen für die Situation von Frauen und ihren Rechten weltweit hervor. Wir stellen steigende Zustimmung zu Antifeminismus fest, auch das macht uns große Sorgen. Es zeichnet sich also ab, dass wir selbst mit 131 Jahren nicht hinkommen werden, um tatsächliche Gleichberechtigung zu erreichen.
Wir müssen alles daransetzen, Gleichstellung weiter konsequent voranzutreiben und gerade Politik und Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen.

foodloose: Wie können Männer am Feminismus teilnehmen und zur Förderung der Geschlechtergleichstellung beitragen?

Ariane Lettow: Männer können richtig toll zum Feminismus beitragen! Ich denke da an Männer aus unserem Team und unserem Umfeld, die einen extrem wichtigen Beitrag leisten und mit vollstem Herzen dabei sind. Offengestanden wundern wir uns manchmal darüber, dass wir Männern feministische Themen überhaupt erst schmackhaft machen müssen, denn sie sind selber negativ beeinflusst von Rollenklischees und Entwürfen toxischer Männlichkeit: Sie sterben im Schnitt 5 Jahre eher, sind stärker sucht- und suizidgefährdet, oft selber von männlicher Gewalt betroffen und stehen unter hohem Druck, immer das “starke Geschlecht” sein zu müssen. Deshalb, liebe Männer: Lasst uns doch zusammen für Gleichberechtigung kämpfen!

Das macht die Welt für alle gerechter. Ich habe mal 12 Punkte notiert, was Männer konkret für Gleichberechtigung tun können:

  1. Bildet euch selber zu Sexismus, reflektiert euer eigenes Verhalten und eure Privilegien.
  2. Verteilt Sorgearbeit in euren Beziehungen gleichberechtigt.
  3. Sprecht eure Freunde, Chefs, Cousins… darauf an, wenn sie sich diskriminierend verhalten.
  4. Vergewissert euch beim Sex IMMER, ob die andere Person einverstanden ist. Akzeptiert jedes Nein; kein Ja ist auch ein Nein!
  5. Fragt FLINTA*-Personen in eurem Umfeld nach ihren Erfahrungen mit Sexismus und wie ihr sie unterstützen könnt.
  6. Glaubt Betroffenen, wenn sie von Übergriffen berichten!
  7. Nutzt gendergerechte Sprache, damit alle angesprochen und sichtbar werden.
  8. Wählt Parteien, die Gleichberechtigung ernsthaft umsetzen wollen.
  9. Erzieht eure Kinder ohne Geschlechterstereotype, dazu gibt es den schönen Satz „raise girls and boys the same way“ (und alle anderen Geschlechter natürlich auch).
  10. Setzt bei der Erziehung eurer Kinder nicht voraus, dass sie heterosexuell werden.
  11. Setzt euch an der Schule eurer Kinder für schamfreie, geschlechtssensible Aufklärung und Workshops zu Diskriminierung ein.
  12. Überprüft bei der Arbeit: Gibt es Fortbildungen zu Sexismus am Arbeitsplatz, Diskriminierungsbeauftragte? Gibt es unter den Führungskräften oder eingeladenen Expert*innen FLINTA*, Schwarze oder Menschen mit Behinderung? Gibt es einen Gender Pay Gap? Missstände zu benennen und sich für mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz einzusetzen, sollte nicht Frauen (und anderen marginalisierten Menschen) überlassen bleiben und kann äußerst wirksam sein.
    (Das Akronym FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen – also für all jene, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden.)

Wir möchten euch an dieser Stelle unseren Text “Können Männer Feministen sein” ans Herz legen, da wird das alles noch mal ausführlicher beschrieben.
Auch toll: Nils Pickert (PINKSTINKS Mitglied) und Fikri Anıl Altıntaş zu “Männer können doch immer”!

foodloose: Wen wollt ihr mit euren Kampagnen erreichen?

Ariane Lettow: Die breite Gesellschaft: Privatpersonen, Unternehmen, die organisierte Zivilgesellschaft und die Politik. Und vor allem diejenigen, die nicht schon vollkommen überzeugt sind.
Denn das Wissen darüber, wie stark Sexismus uns als Gesellschaft schadet und wie wir dem entgegenwirken können, muss Allgemeinwissen werden. Wir haben es nicht mit einem Luxusproblem zu tun – wie gerade von rechts immer wieder unterstellt wird – sondern fehlende Gleichberechtigung und Sexismus wirken sich in verschiedensten Bereichen konkret negativ aus:
Wir haben einen deutlichen Gender Pay Gap, in Deutschland erschreckend hohe Zahlen an sexualisierter Gewalt gegen Frauen, viel zu wenige Plätze in Frauenhäusern und Übergriffe auf Transpersonen nehmen seit Jahren zu. Die Wirtschaft beklagt massiven weiblichen Nachwuchsmangel in MINT-Berufen, Deutschland hat schlechte Quoten bei Frauen in Führungspositionen. Die Einkommenslücke bei Eltern ist laut einer Studie des ifo Instituts in Deutschland höher als in anderen westlichen Ländern, bei den 30-Jährigen verdienen Mütter im Schnitt 70-80% weniger als Väter! Frauen übernehmen zudem noch immer deutlich mehr Care-Arbeit und sind stärker von Altersarmut betroffen. Ganz zu schweigen von fehlender körperlicher Selbstbestimmung von Frauen, trans* und nicht-binären Personen und fehlenden reproduktiven Rechten.
Eine Umfrage der Universität Leipzig aus dem Jahr 2022 zeigt, dass mittlerweile 26% der Menschen Feminismus ablehnen – das ist ein deutlicher Anstieg von 8% im Vergleich zum Vorjahr und der Trend setzt sich bis heute fort. Diese Zahlen bereiten uns große Sorgen, es ist aus unserer Sicht wichtiger denn je, Sexismus entgegenzuwirken. Und immer wieder klarzumachen: ALLE Menschen profitieren von einer gleichberechtigten Gesellschaft!

foodloose: Wie sieht eine Welt aus und fühlt sich eine Welt an, in der ihr all eure Ziele erreicht habt?

Ariane Lettow: Dann leben wir in einer solidarischen Gesellschaft, in der alle Menschen frei und in Wohlstand leben können, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder körperlichen Voraussetzungen.

foodloose: Was muss dafür passieren?

Ariane Lettow: Dafür müssen die Forderungen in allen politischen Bereichen umgesetzt werden. Ganz einfach also!

foodloose: Womit kann man eure Ziele und euch am besten unterstützen?

Ariane Lettow: Was uns am meisten am Herzen liegt: Wir brauchen einander! 💜 Die aktuellen und die kommenden Krisen können wir nur gemeinsam bewältigen. Wir müssen uns zusammentun, uns bestärken, miteinander diskutieren, es gut meinen miteinander, gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Situationen aufbringen und von unseren verschiedenen Perspektiven profitieren. Und wir müssen gemeinsam antidemokratischen Strömungen entgegentreten und für mehr Gleichberechtigung kämpfen. Daher: Schließt euch uns an! Verbreitet unsere Inhalte in eurem Umfeld, nutzt dafür unsere Materialien, Texte und Videos.
Meldet euch für unseren (hochgelobten) Newsletter an, der euch regelmäßig mit allen wichtigen Infos und exklusiven Inhalten versorgt. Folgt unseren sozialen Kanälen, lasst Likes da, kommentiert, teilt.
Ihr wollt bei der Arbeit das Thema „Frauen in Führungspositionen“ ansprechen? Nutzt dafür unser Video „Eine typische Chefin“!
Ihr wollt im Büro oder bei Freund*innen für übergriffiges Verhalten und ungleich verteilte Care-Arbeit sensibilisieren? Was wäre dafür geeigneter als unsere Videos „Mama muss sich ausruhen“ und „Darf man das noch sagen?“ aus Staffel 4 unserer legendären Gendersketche!

Direkt wirksam seid ihr zudem, wenn ihr uns finanziell unterstützt. PINKSTINKS finanziert sich fast ausschließlich über Spenden, daher unsere Bitte: Wenn ihr könnt, spendet an PINKSTINKS! Und: wenn ihr uns als Fördermitglied regelmäßig unterstützt, bekommt ihr unser wunderschönes Begrüßungspaket zugeschickt.

Wir überlassen Gleichberechtigung nicht dem Zufall. Macht mit, gemeinsam verändern wir die Welt! 💜

PINKSTINKS, unser aktueller 1% for Happiness Spendenpartner, setzt sich seit 2012 leidenschaftlich für Geschlechtergerechtigkeit und Diskriminierungsfreiheit ein. Ihr Ansatz ist humorvoll, mutig und inklusiv. Im Interview mit der Geschäftsführerin Ariane Lettow erfahren wir, wie PINKSTINKS Machtstrukturen hinterfragt, Diskriminierungen bekämpft und konkrete Veränderungen anstrebt.

foodloose: Was bedeutet Feminismus für PINKSTINKS?

Ariane Lettow: Unser Feminismus ist humorvoll, mutig, undogmatisch, inklusiv und voller Liebe. Konkret bedeutet das für uns:
Wir schauen uns Machtverhältnisse und diskriminierende Strukturen aus intersektional-feministischer Perspektive an – und arbeiten auf vielen Ebenen daran, Diskriminierungen abzubauen, indem wir so kommunizieren, dass auch Menschen, die mit Feminismus bisher wenig Berührung hatten, die Probleme verstehen. Fast immer mit einer Prise Humor und immer wohlwollend. Also: Wir übersetzen feministische Debatten und ermöglichen Menschen, auf ihre eigene Weise gegen Sexismus wirksam zu sein. Sich unserer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen und aus der Hilflosigkeit rauszukommen.
Besonders gut zeigt das unser FEMIFEST, das wir zum 08. März 2024 zusammen mit über 100 Unterzeichnenden von Louisa Dellert über Maren Kroymann bis zu Sea Watch und Campact veröffentlicht haben: Wir schauen nicht nur auf fehlende Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch auf andere Formen der Diskriminierung, wie z.B. Rassismus, Klassismus und Transfeindlichkeit. Weil wir gesellschaftlich nicht weiterkommen, wenn wir nicht alle Diskriminierungsformen zusammen denken und alle Geschlechter im Blick haben. Und wir stellen konkrete Forderungen auf.

foodloose: Ihr seid seit 2012 aktiv. Wie hat sich der Feminismus im Laufe der Zeit verändert und entwickelt?

Ariane Lettow: Als wir anfingen, ging es darum, Sexismus überhaupt ins Bewusstsein zu bringen. Das gesellschaftliche Interesse an dem Thema war gering, Feminismus hatte ein sehr schlechtes Image. Unser Gründungsjahr lag 5 Jahre vor #MeToo, damals war es undenkbar, dass in ARD und ZDF gegendert oder ein PINKSTINKS Arbeitsheft zu Sexismus tausendfach an Schulen eingesetzt würde.
Die Themen unserer Anfangsjahre waren Rollenstereotype und Sexismus in der Werbung. Gerade an Beispielen von Gendermarketing zeigte PINKSTINKS eindrücklich, wo das Problem lag. Mit Erfolg: Ferrero nahm aufgrund unserer Kampagne das rosafarbene Ü-Ei „nur für Mädchen“ vom Markt, auch andere Firmen reagierten auf unsere Kritik.
Der sogenannte Netz-Feminismus war gerade dabei, sich zu etablieren. Es gründeten sich Plattformen, Gruppen und breitere Zusammenschlüsse, die Kampagnen wie #aufschrei von Anne Wizorek möglich machten.
Es entwickelte sich eine größere gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit für gleichstellungspolitische Themen und wir hatten das Gefühl, endlich mal weiterzukommen. Auch diesen Pop-Feminismus, der Spaß machen und sexy sein durfte, fanden alle interessant.
2017 wird als wichtiger Meilenstein im Gedächtnis bleiben: #MeToo veränderte den öffentlichen Diskurs zu Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt. PINKSTINKS zog 2023 ein Zwischenfazit.
Ab 2020 wurden durch die Corona-Pandemie die Themen Care-Arbeit und Gender Care Gap verstärkt diskutiert, und das bis heute. In den vergangenen Jahren waren die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie andere Themen rund um körperliche Selbstbestimmung präsent sowie das Bemühen, die Perspektiven marginalisierter Gruppen in feministische Debatten einzubeziehen.

foodloose: Was ist aus eurer Erfahrung das hartnäckigste Vorurteil, das sich hält?

Ariane Lettow: Dass Männer vom Mars sind und Frauen von der Venus. Dieser Satz zementiert starre Geschlechterrollen und verhindert Gleichberechtigung, deswegen ist es so bitter, dass der so weit verbreitet ist.
Wir leben im Patriarchat, also in einer Gesellschaft, in der weibliche Leistungen, Tätigkeiten und Interessen abgewertet werden. Um dieses System aufrechterhalten zu können (auf dem unsere heutige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit ihrer Abwertung jeder Form von Sorgearbeit fußt), ist es notwendig, immer wieder darauf zu beharren, dass die Geschlechter so unterschiedlich ticken. Es ist also kein Zufall, dass wir immer noch vom „Mutterinstinkt“ (der wissenschaftlich widerlegt ist) lesen und von Vätern, denen das Kümmern angeblich nicht so im Blut liegt und die sich deswegen die Namen der Klassenkamerad*innen ihrer Kinder nicht merken können. Dass Sorgearbeit mit Frauen, mit Männern dagegen „harte Arbeit“ und Wissenschaft assoziiert wird. Dass Care-Berufe deutlich schlechter bezahlt werden als andere. Dass Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch verhandelt werden und nur unter bestimmten Bedingungen straffrei sind. Dass „schwul“ immer noch (und leider wieder stärker, wie uns viele Schulen berichten) als Schimpfwort benutzt wird.
All das wäre nicht denkbar ohne die Abwertung alles Weiblichen und die ständig wiederholte Erzählung, starre Geschlechterrollen wären schon in der Natur angelegt.

foodloose: Was ist aus eurer Sicht der größte Stein, der noch auf dem Weg zu echter Geschlechtergleichstellung liegt?

Ariane Lettow: Gesetzlich ist Gleichstellung verankert, in der Realität sind wir noch weit davon entfernt. Da müssen wir ran, denn Sexismus schadet der gesamten Gesellschaft.
Um Gleichstellung erreichen zu können, brauchen wir die politischen Rahmenbedingungen und konsequentes Einbeziehen feministischer Forderungen. Und wir brauchen eine ganz andere Bewertung und Vergütung von Arbeit, neue Arbeitszeitmodelle, gerechte Verteilung von Sorgearbeit, gemeinsame gesellschaftliche Verantwortungsübernahme für unser Zusammenleben.
Der Global Gender Gap Report hat kürzlich veröffentlicht, dass es noch 131 Jahre dauern wird, bis wir gleichberechtigt leben können . So lange können wir nicht warten! Aus dem Weltbevölkerungsbericht 2024 gehen zudem besorgniserregende Verschlechterungen für die Situation von Frauen und ihren Rechten weltweit hervor. Wir stellen steigende Zustimmung zu Antifeminismus fest, auch das macht uns große Sorgen. Es zeichnet sich also ab, dass wir selbst mit 131 Jahren nicht hinkommen werden, um tatsächliche Gleichberechtigung zu erreichen.
Wir müssen alles daransetzen, Gleichstellung weiter konsequent voranzutreiben und gerade Politik und Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen.

foodloose: Wie können Männer am Feminismus teilnehmen und zur Förderung der Geschlechtergleichstellung beitragen?

Ariane Lettow: Männer können richtig toll zum Feminismus beitragen! Ich denke da an Männer aus unserem Team und unserem Umfeld, die einen extrem wichtigen Beitrag leisten und mit vollstem Herzen dabei sind. Offengestanden wundern wir uns manchmal darüber, dass wir Männern feministische Themen überhaupt erst schmackhaft machen müssen, denn sie sind selber negativ beeinflusst von Rollenklischees und Entwürfen toxischer Männlichkeit: Sie sterben im Schnitt 5 Jahre eher, sind stärker sucht- und suizidgefährdet, oft selber von männlicher Gewalt betroffen und stehen unter hohem Druck, immer das “starke Geschlecht” sein zu müssen. Deshalb, liebe Männer: Lasst uns doch zusammen für Gleichberechtigung kämpfen!

Das macht die Welt für alle gerechter. Ich habe mal 12 Punkte notiert, was Männer konkret für Gleichberechtigung tun können:

  1. Bildet euch selber zu Sexismus, reflektiert euer eigenes Verhalten und eure Privilegien.
  2. Verteilt Sorgearbeit in euren Beziehungen gleichberechtigt.
  3. Sprecht eure Freunde, Chefs, Cousins… darauf an, wenn sie sich diskriminierend verhalten.
  4. Vergewissert euch beim Sex IMMER, ob die andere Person einverstanden ist. Akzeptiert jedes Nein; kein Ja ist auch ein Nein!
  5. Fragt FLINTA*-Personen in eurem Umfeld nach ihren Erfahrungen mit Sexismus und wie ihr sie unterstützen könnt.
  6. Glaubt Betroffenen, wenn sie von Übergriffen berichten!
  7. Nutzt gendergerechte Sprache, damit alle angesprochen und sichtbar werden.
  8. Wählt Parteien, die Gleichberechtigung ernsthaft umsetzen wollen.
  9. Erzieht eure Kinder ohne Geschlechterstereotype, dazu gibt es den schönen Satz „raise girls and boys the same way“ (und alle anderen Geschlechter natürlich auch).
  10. Setzt bei der Erziehung eurer Kinder nicht voraus, dass sie heterosexuell werden.
  11. Setzt euch an der Schule eurer Kinder für schamfreie, geschlechtssensible Aufklärung und Workshops zu Diskriminierung ein.
  12. Überprüft bei der Arbeit: Gibt es Fortbildungen zu Sexismus am Arbeitsplatz, Diskriminierungsbeauftragte? Gibt es unter den Führungskräften oder eingeladenen Expert*innen FLINTA*, Schwarze oder Menschen mit Behinderung? Gibt es einen Gender Pay Gap? Missstände zu benennen und sich für mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz einzusetzen, sollte nicht Frauen (und anderen marginalisierten Menschen) überlassen bleiben und kann äußerst wirksam sein.
    (Das Akronym FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen – also für all jene, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden.)

Wir möchten euch an dieser Stelle unseren Text “Können Männer Feministen sein” ans Herz legen, da wird das alles noch mal ausführlicher beschrieben.
Auch toll: Nils Pickert (PINKSTINKS Mitglied) und Fikri Anıl Altıntaş zu “Männer können doch immer”!

foodloose: Wen wollt ihr mit euren Kampagnen erreichen?

Ariane Lettow: Die breite Gesellschaft: Privatpersonen, Unternehmen, die organisierte Zivilgesellschaft und die Politik. Und vor allem diejenigen, die nicht schon vollkommen überzeugt sind.
Denn das Wissen darüber, wie stark Sexismus uns als Gesellschaft schadet und wie wir dem entgegenwirken können, muss Allgemeinwissen werden. Wir haben es nicht mit einem Luxusproblem zu tun – wie gerade von rechts immer wieder unterstellt wird – sondern fehlende Gleichberechtigung und Sexismus wirken sich in verschiedensten Bereichen konkret negativ aus:
Wir haben einen deutlichen Gender Pay Gap, in Deutschland erschreckend hohe Zahlen an sexualisierter Gewalt gegen Frauen, viel zu wenige Plätze in Frauenhäusern und Übergriffe auf Transpersonen nehmen seit Jahren zu. Die Wirtschaft beklagt massiven weiblichen Nachwuchsmangel in MINT-Berufen, Deutschland hat schlechte Quoten bei Frauen in Führungspositionen. Die Einkommenslücke bei Eltern ist laut einer Studie des ifo Instituts in Deutschland höher als in anderen westlichen Ländern, bei den 30-Jährigen verdienen Mütter im Schnitt 70-80% weniger als Väter! Frauen übernehmen zudem noch immer deutlich mehr Care-Arbeit und sind stärker von Altersarmut betroffen. Ganz zu schweigen von fehlender körperlicher Selbstbestimmung von Frauen, trans* und nicht-binären Personen und fehlenden reproduktiven Rechten.
Eine Umfrage der Universität Leipzig aus dem Jahr 2022 zeigt, dass mittlerweile 26% der Menschen Feminismus ablehnen – das ist ein deutlicher Anstieg von 8% im Vergleich zum Vorjahr und der Trend setzt sich bis heute fort. Diese Zahlen bereiten uns große Sorgen, es ist aus unserer Sicht wichtiger denn je, Sexismus entgegenzuwirken. Und immer wieder klarzumachen: ALLE Menschen profitieren von einer gleichberechtigten Gesellschaft!

foodloose: Wie sieht eine Welt aus und fühlt sich eine Welt an, in der ihr all eure Ziele erreicht habt?

Ariane Lettow: Dann leben wir in einer solidarischen Gesellschaft, in der alle Menschen frei und in Wohlstand leben können, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder körperlichen Voraussetzungen.

foodloose: Was muss dafür passieren?

Ariane Lettow: Dafür müssen die Forderungen in allen politischen Bereichen umgesetzt werden. Ganz einfach also!

foodloose: Womit kann man eure Ziele und euch am besten unterstützen?

Ariane Lettow: Was uns am meisten am Herzen liegt: Wir brauchen einander! 💜 Die aktuellen und die kommenden Krisen können wir nur gemeinsam bewältigen. Wir müssen uns zusammentun, uns bestärken, miteinander diskutieren, es gut meinen miteinander, gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Situationen aufbringen und von unseren verschiedenen Perspektiven profitieren. Und wir müssen gemeinsam antidemokratischen Strömungen entgegentreten und für mehr Gleichberechtigung kämpfen. Daher: Schließt euch uns an! Verbreitet unsere Inhalte in eurem Umfeld, nutzt dafür unsere Materialien, Texte und Videos.
Meldet euch für unseren (hochgelobten) Newsletter an, der euch regelmäßig mit allen wichtigen Infos und exklusiven Inhalten versorgt. Folgt unseren sozialen Kanälen, lasst Likes da, kommentiert, teilt.
Ihr wollt bei der Arbeit das Thema „Frauen in Führungspositionen“ ansprechen? Nutzt dafür unser Video „Eine typische Chefin“!
Ihr wollt im Büro oder bei Freund*innen für übergriffiges Verhalten und ungleich verteilte Care-Arbeit sensibilisieren? Was wäre dafür geeigneter als unsere Videos „Mama muss sich ausruhen“ und „Darf man das noch sagen?“ aus Staffel 4 unserer legendären Gendersketche!

Direkt wirksam seid ihr zudem, wenn ihr uns finanziell unterstützt. PINKSTINKS finanziert sich fast ausschließlich über Spenden, daher unsere Bitte: Wenn ihr könnt, spendet an PINKSTINKS! Und: wenn ihr uns als Fördermitglied regelmäßig unterstützt, bekommt ihr unser wunderschönes Begrüßungspaket zugeschickt.

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